Offener Brief an die SZ zur Online-Bezahlschranke

Liebe EntscheiderInnen bei der SZ,

ich bin Erwerbsunfähigkeitsrentnerin mit einer sehr kleinen Rente. In einer prekären Lebenssituatuon fehlt oft das Geld vorne und hinten. Aus diesem Grund organisieren Sie den SZ-Adventskalender, greifen Menschen unter die Arme. Ich habe bereits zweimal ein Lebensmittelpaket von Ihnen erhalten und ich ich habe mich beide Male sehr gefreut. Allerdings: An Lebensmittel kommt man auch in schwierigen Situationen noch ganz gut: Es gibt Tafeln, es gibt in München mehrere Fairteiler, es gibt foodsharing.de, es gibt einige karitative Einrichtungen, die Essen oder Lebensmittelgutscheine ausgeben, viele haben Verwandte oder FreundInnen, die einem gerne mal eine Tüte voll Lebensmittel schenken, und selbst wenn Leute auf der Straße fremde Menschen um etwas bitten, ist es bei Lebensmitteln viel einfacher, auf Solidarität zu stoßen, als z.B. bei Tabak, Alkohol, oder sogar einer Zeitung? Jeder versteht, daß Menschen essen müssen. Aber müssen Menschen auch Zeitung lesen?
Im Hartz-4 Satz waren vor der Erhöhung 1,49 Euro pro Monat für Bildung vorgesehen, möglicherweise sind es jetzt ein paar Cent mehr. Ein Süddeutsche kostet am Kiosk 2,40 Euro. Eine Hartz 4-Empfängerin kann also etwa alle 6 Wochen eine Süddeutsche lesen, sofern sie Ihr komplettes Bildungsbudget dafür aufwendet. Oder sie kann auch einen ermäßigten (!) Jahresausweis der Münchner Stadtbibliotheken für 10 Euro kaufen, wenn sie statt SZ zu lesen etwa sechseinhalb Monate dafür spart. Oder sie kann einen Nähkurs bei der Volkshochschule für 62,50 Euro ermäßigt (!) machen und darauf über 40 Monate sparen.
Was ich damit sagen möchte: Zugang zu Bildung ist für einige Menschen ein viel knapperes und wertvolleres Gut als Lebensmittel.
Ich habe bisher Ihr Online-Angebot genutzt, ich habe täglich mehrfach reingeschaut. Seit gestern ist das eine sehr frustrierende Angelegenheit und ich merke den Verlust deutlich. Ich lese auch Artikel aus anderen Zeitung, aber die Süddeutsche ist unter den journalistischen Angeboten meine primäre Nachrichtenquelle und für mich nicht ohne spürbare Abstriche ersetzbar. Und da bin ich sicher nicht die einzige.

Und so sehr ich Ihre Adventskalender-Lebensmittelpakete wertschätze, mir wäre ein Online-Zugang zur Süddeutschen lieber. Ich möchte anregen, falls Sie bei Ihrem Bezahl-Konzept bleiben möchten, auch den ärmeren Menschen eine Chance zu geben, und zum Beispiel Online-Zugänge zu Ihrem Angebot in Erwägung zu ziehen. Für Leute, die nicht die Alternative haben, dafür zu bezahlen. Ich bin sicher, Sie würden damit vielen Menschen einen großen Dienst erweisen. Mir auch.

Mit freundlichen Grüßen,

UPDATE vom 7.4.15
Ich hatte einen kleinen Emailverkehr und auch heute ein kurzes Telefonat mit der Marketing Managerin Digitale Produkte der SZ. Derzeit wird Feedback (also auch meines) zum neuen Bezahlkonzept gesammelt, und alles wird an die entsprechenden Stellen weitergeleitet und besprochen.Wenn es entsprechende Änderungen gibt, möchte mir die Mitarbeiterin auch Bescheid geben. Ich finde, das ist eine sehr erfreuliche Reaktion, ich warte jetzt einfach mal ab und würde mich auch sehr freuen, wenn es tatsächlich eine Lösung für Menschen mit wenig Geld gibt.Vielen Dank auf jeden Fall schonmal soweit! :-)

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